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Spielplatz-Typologie

April 4, 2011

Also, Spielplätze sind wirklich toll. Ein richtiges soziologisches Minenfeld, oder eine ethnologische Fundgrube. Sie sind voll von Eltern und ihren Sprösslingen, besonders bei uns im Kiez. Ich glaube, die Kinderdichte hat sich hier in den letzten Jahren um den Faktor 10 gesteigert und da wir irgendwie nie wegziehen wollten, sitzen wir nun auch mit Kind aufm Spielplatz. Selbst schuld!

Bei uns auf dem Spielplatz rufen Kinder ab 4 Jahren „Solln wa Demonstrieren spielen? Oder Protestieren?“ und versuchen Erwachsenen Geld abzunehmen, wenn sie den Spielplatz verlassen. Es ist ein super Großstadtrevier. Der Kleine Mann ist absolut in der Minderheit, wenn er meint, Polizeiautos wären super. Andere Kinder üben schon mal Steineschmeißen.

Aber an diesem wunderbaren Tag ist der Spielplatz ist umgeben von wunderschön blühenden Büschen, es ist Mai…. glückliche Kinder buddeln im Sand, Förmchen und Eimerchen liegen herum, die Vögel zwitschern, die Autos düsen vorbei…. Spielplatzidyll in der Großstadt….

Es könnte so schön sein, „protestieren“ hin oder her. Aber warum muss es immer wieder Eltern geben, die meinen, Büsche wären ihr Eigentum und öffentliche Grünflächen wären kostenlose Blumenläden oder Weiterführungen des Klettergerüsts? Mitten im Sandkasten sitzt plötzlich eine Mama mit einem armvoll abgerissener Fliederblüten. Für das kleine Blag natürlich! Zum Spielen! Noch nicht mal zum Mitnehmen…. Der Sand ist voller Fliederblüten, der Busch dahinter sieht ziemlich mitgenommen aus. Im Busch daneben klettern drei Blagen rauf und runter. Die Äste biegen sich bis zur Erde, es knackt und knirscht, Blätter rieseln zur Erde…. die meisten Eltern schauen sich jetzt unauffällig um zu wem wohl diese Kinder gehören. Sie gehören einer größeren Gruppe Eltern, die Bier trinkend und rauchend auf einer Bank direkt neben dem malträtierten Baum sitzen. Echte Kiezbewohner, sozusagen.

Nachdem das Baumbesteigen gut eine halbe Stunde so weitergeht, regen sich die ersten Unmutsbekundungen. „Mensch, nehmt doch mal die Kinder da weg…!“ ist noch harmlos, erntet aber sofort ein „Du hast meinen Kindern janüscht zu sagen!!“ als Antwort. Schön auch: „Papa, der andere Papa hat zu mia jesacht, ick daaf da nich auf den Baum klettern!“-„Soooooo? Welcher Papa war dit denn?“.

Die soziale Durchmischung in unserem Stadtteil ist stark vorangeschritten„, wie es immer so schön in der Zeitung heißt. Kiezbewohner mit Bierchen, Tattoo und Stammplatz in der 24-Stunden-Kneipe sitzen auf dem Spielplatz neben I-Phone-tippenden, Milchkaffee trinkenden Gutsituierten mit Bioladenbeutel für das Kinderspielzeug (selbstverständlich aus Holz). Am Ende und viele fruchtlose, vor der Aggressivität der Biertrinker kapitulierende Diskussionen mit den Papas und Mamas von Marie, Olivia, Maximilian, Finn und Paule später drehte sich einer der Säufer um, die immer hinter dem Spielplatz rumlungern und ab morgens um 8.00 Uhr ihr Bierchen trinken.

(schwankend): „Soll ick da mal rüberkomm und Ordnung machen, sach ma? Der aame Baum, jetzt lassta den mal in Ruhe!“

„Du hast hier ja nischt zu sajen! Dit sind meine Kinda!“

„Ick komm da gleich rüba und denn jibts Ärger! Dit sind ooch meine Bäume und ick will nich, det deine Kinda da drin rumklettern!“

——-

(bedrohlich mit der Bierpulle fuchtelnd und zwei Lautstärken stärker): „Wenn ihr jetz nich sofort die Kinda ausm Baum holt, denn ruf ick det Ordnungsamt an und denn jibts richtich Ärjer!“

„Du kannst mir mal, meine Kinda spielen wo se wolln!“

„Det wiste schon sehn wat denn passiert, wenn die hier ankomm´, DU…!“.

Keine Ahnung, ob das Ordnungsamt an einem Sonntagnachmittag tatsächlich gleich ins Auto springt und zum Spielplatz braust, keine Ahnung, ob man die überhaupt (ob am Sonntag oder unter der Woche) anrufen kann. Der Biertrinker hatte jedenfalls schon das Handy am Ohr und die Pulle kurz auf dem Boden geparkt. Die Kinder waren so schnell wie nix raus dem Baum. Die biertrinkenden Eltern verließen umgehend den Spielplatz und alle anderen fragten sich, warum sie nicht auf die Idee gekommen waren, einfach mal schlicht und ergreifend ne Tätlichkeit oder das Ordnungsamt anzudrohen. Beim nächsten Mal sind wir schlauer, Bluffen siegt!

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