Skip to content

Die Gute Mutter

April 15, 2011

Die Gute Mutter treffe ich hin und wieder auf dem Spielplatz oder im ÖPNV. Es könnte auch der Gute Vater heißen, aber ich sehe überall meist mehr Mütter als Väter, zumindest in kinderintensiven Gegenden wie dem Spielplatz, Spielcafé, beim Abgeben im Kindergarten, u.s.w.. Also: Die Gute Mutter. Auch im Bioladen trifft man sie, dann und wann. Ich bin bestimmt keine Gute Mutter, das schon mal vorneweg. Jedenfalls merke ich immer wieder, dass meine Emotionen und auch Reaktionen hin und wieder sehr von denen der Guten Mutter abweichen. Ich bin wohl noch zu sehr ich-betont dafür.

Ich vermute, die Gute Mutter liest Bücher zum Thema: „Mein Kind ist einfach ein kleiner Mensch, und sollte auch so behandelt werden“ bzw. Bücher zur Kindererziehung, die definitiv die Worte „Verstehen“, „sanft“ und „liebevoll“ im Titel tragen. Darin stehen Ratschläge wie: „Lassen Sie Ihr Kind nie weinen!“ oder „Ihr Kind hat die gleichen Emotionen wie Sie – verstehen Sie nun, warum es wütend ist und haut?“. Die Gute Mutter handelt auf der Emotionsschiene, glaube ich, und zwar auf der Verständnis-Ebene. Mal klargestellt: ich finde „liebevoll“ auch ganz wichtig, aber bei der Guten Mutter scheint das Verständnis und die Liebe alles zu überdecken.

Mich erinnert das immer an ein ganz beeindruckendes Verkaufsseminar, das ich einmal mitmachen durfte. Da fiel der wahrhaft denkwürdige Satz: „Wenn der Kunde sauer ist, weil etwas nicht geklappt hat, dann holen Sie ihn doch einfach auf Ihre Seite! Es bietet sich an zu sagen: „Ich kann verstehen, dass Sie enttäuscht sind, aber leider ist es mir momentan nicht möglich….“.

Die Gute Mutter sagt denn auch auf dem Spielplatz Sachen wie: „Karl-Johann, ich verstehe, dass du nicht nach Hause möchtest, aber wir müssen noch baden!“. Karl-Johann ignoriert das meistens, auch weitere ähnliche Sätze der Guten Mutter, und beide bleiben eben einfach noch ne halbe bis eine Stunde länger. Zu anderen Müttern sagt die Gute Mutter dann oft: „Wissen Sie, ist ja auch nicht so schlimm, Kinder müssen sich austoben und ihren Biorhythmus finden!“. Kinder von Guten Eltern liegen auf dem Spielplatz gerne schreiend auf dem Boden, wenn ihre Eltern doch mal ein „Nein“ sprechen und trommeln solange auf die Gehwegplatten und schmeißen mit Sand bis es doch noch ein Eis gibt. Und es gibt eigentlich immer ein Eis, denn wenn alles „Ich habe dir doch gerade gesagt, dass es heute kein Eis gibt“ fruchtlos bleibt, gehen Mama und Papa genervt, aber irgendwie auch stolz auf ihren ausdauernden Nachwuchs mit Karl-Johann oder Anna-Clara doch noch eins kaufen.

Gespräche von Guten Müttern untereinander drehen sich häufig darum, dass die Eingewöhnungsphase in der Kita unbedingt länger als 1 Monat sein müsse, eigentlich eher 2-3 Monate. „Weißt du, die Kinder  – besonders der Karl-Johann – die sind doch wirklich sensibel, die müssen sich doch ganz vorsichtig abnabeln. Ich glaube, ich fange dann doch erst später an zu arbeiten. Und mit dem Stillen wirds dann auch schwierig, dabei wollte ich doch unbedingt bis zum 2. Lebensjahr….!“  –  „Ja, weißt du, und wenn die Kinder dann sprechen können, dann ist das mit dem Stillen doch auch wunderbar…. meine sagt dann immer: „Mama, deine Milch schmeckt heute nach Erdbeeren! Toll, oder?“.

Mich haut das aber jedesmal um. Diese Dialoge! Die gute Mutter verweist gerne auf die Erziehungskultur anderer, nicht-westlicher Länder, v.a. Japan ist momentan hoch im Kurs (zumindest auf unserem Spielplatz), aber auch „Naturvölker„. Was bzw. wen immer sie damit auch meint, ich bin immer versucht, ihr die ethnologischen/archäologischen Studien zu „Naturvölkern“ zu empfehlen, bei denen es häufig um Geburtenkontrolle und Säuglingstötung geht, ganz im Sinne des Überlebens der gesamten Gemeinschaft (ich glaube: „Food Crisis in Prehistory: Overpopulation and the Origins of Agriculture“ von Marc Cohen wäre ein guter Kandidat für den Anfang). Hab mich aber noch nie getraut…..

Ich bin sicher keine Gute Mutter, denn unsere Stillphase war (arbeitstechnisch bedingt) wesentlich kürzer, der Kleine Mann geht seit dem 1. Geburtstag in den Kindergarten und seine Eingewöhnung war kurz. Ich gehe nach Hause, wenn wir nach Hause müssen und setze das durch (s.a. Artikel zu „Wutzwerg“ und „Yogazustand“!). Alles in Allem geht es eher nach meinem Kopf wenn die Notwendigkeit dazu besteht, und nach dem Kopf des Kleinen Mannes wenn die Gelegenheit dafür günstig ist. Bei der Guten Mutter steht der Wunsch des Kindes ganz oben. Immer, glaube ich. Jedenfalls wirkt es so auf mich. Gleichzeitig will sie aber auch ein eigener Mensch bleiben und betont ihre Individualität. Es ist eine seltsame Melange zwischen der Totalen Mutter und der Ich-bin-(trotz Kind)-noch-ich selbst-Mutter. Irgendwie habe ich aber auch das Gefühl, dass die Gute Mutter vielleicht daher alles ein wenig zuviel betont. Ihr Mutter-Dasein. Ihre Liebe in der Öffentlichkeit. Ihr Verständnis für das Kind und ihre Kenntnis der letzten Entwicklungen auf dem Gebiet der Kinderpsychologie, der Ernährungswissenschaft etc.

Der Gegenentwurf: eine Bekannte hat zwei Kinder und ist die liebste, verständnisvollste und angenehmste Mama der Welt: mein Vorbild. Immer ausgeglichen und voller Liebe. Aber: sie setzt Grenzen. Voller Liebe und nie laut. Aber sie liest keine Bücher zum sanften Stillen und lässt Jan-Amadeus und Christoph-Paul auch nicht stundenlang einfach weiterwursteln, weils halt bloß nicht konfliktiv werden soll (das Kind könnte sich dann eingeschränkt fühlen) und damit alles entschuldigt, dass er eben ein Kind sei.

Sie ist einfach großartig. Ich will ja hier ihren Namen nicht nennen, aber sie ist eine ganz tolle Mama. So möchte ich auch sein….. ich arbeite daran.

Advertisements
No comments yet

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: