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Weichgekocht im Haifischbecken

Juli 22, 2011

Unfassbar, aber wahr: es gibt ja auch noch ein Leben neben der Mama007. Hin und wieder taucht es auch hier auf….. und deshalb heute aus gegebenem Anlass:

Neulich lief dies hier auf Arte. Ein wunderbares Beispiel dafür, wie verklärt und süß das Wissenschaftsleben in angeblichen „Dokumentationen“ sein soll und kann. Super, dass diese Frau sich einen Lebenstraum erfüllt, die „Wahrheit“ über die Wissenschaft ist es ganz sicher nicht, auch wenn das immer so suggeriert wird. Wahrheit, pah! Haben Sie in so einer Reportage schon einmal einen Wissenschaftler gesehen, der monatelang Anträge und Projekte schreibt? Sich in Behördenfluren den Po platt sitzt für Genehmigungen, Visa etc.? Der über unzureichende Mittel verfügt? Der wochenlang mit indigenen Gruppen diskutiert und verhandelt, damit er in deren Gebiet forschen kann? Nein. Hier wird voll ausgestattet und glücklich geforscht. Ohne Störungen, ohne Hindernisse. Höchstens ein Moskito stört das Glück, aber das gehört ja zur Forschungsromantik fast dazu. Bisschen exotisch darfs ja gerne sein.

Die Realität sieht meiner Erfahrung nach eher so aus, dass ehemalige KommilitonInnen in den Dreißigern/Vierzigern/Fünfzigern nun auf Stellen sitzen, die sie selbst als „Haifischbecken“ beschreiben. Und das in Gesprächen, die man nach anderthalbjährigen Pausen mit ihnen führt, d.h. es sitzt also weit oben auf der Frustrationsskala, dass es sofort bei der ersten Nachfrage rausplatzt. All ihre Forschungsarbeit würde so politisch verstanden, dass sie gar nicht mehr zum Forschen kämen, vielmehr müssten erstmal einige Intrigen überstanden werden. Toll. Andere beschweren sich über Arbeitsüberlastung, schlechte Ausstattung, Schlamperei, zu wenig Geld, behäbige oder ausbeutende Chefs. Wer dann doch mal wirklich forscht, kämpft mit anderen Forschern um Geld und das Recht, an welcher Stelle im Publikationstitel der eigene Name stehen darf, mit indigenen/lokalen Gruppen/Personen um Zugang zur Forschungsregion, das Recht auf Information, Publikation und Forschung überhaupt. Gratwanderung zwischen Diplomatie und „mein gutes Recht“.

Und diejenigen Mittdreißiger, die es noch nicht mal auf irgendeine Stelle geschafft haben? So wie Mama007 etwa? Und mehrere ihrer gut ausgebildeten, mehrsprachigen Bekannten? Die nicht „haifischbecken-fähig“ zu sein scheinen und bei Intrigen Krätze bekommen? Die also nicht durchsetzungsfähig sind im wissenschaftlichen Betrieb, wenn man den Oberen 10000 glaubt? Die sind jetzt so weichgekocht, dass sie andere Jobs angenommen haben. Oder sich auf Stellen beim Bund bewerben, oder der Bundeswehr. Da gibt´s wenigstens Ausbildungsgehalt. Und eine sichere Anstellung danach. Herzensarbeit: höchstens nebenher.

Und weil es mich so ärgert, dass diese „Wissenschaftsreportagen“ so angeblich objektiv wissenschaftlich daherkommen, bin  ich immer wieder und noch immer wild entschlossen einen Gegenbericht zu publizieren. Wenigstens dieses süßliche Wissenschaftsbild soll nicht unwidersprochen bleiben. Und auch nicht dieses seltsam kolonialistisch-naturverbundene rousseausche Bild der lokalen Bevölkerung, wenn die Reportagen im Ausland spielen, vor allem im außereuropäischen. Also: Ich arbeite daran. Und eventuell schaffe ich es zwischen Mamasein, Geldverdienen und Ausruhen auch mal. Demnächst. Und dann mache ich mir Gedanken, wie ich das unter die Leute bringe…. vielleicht hat ja jemand Ideen hier.

P.S. Ein Gegenbeispiel war dies hier. Wer diese Reportage genau anschaut und zuhört, sieht immer wieder wie die beiden Wissenschaftler sich auf einem schmalen Grat bewegen zwischen privaten Investoren, die die gesamte Forschung torpedieren könnten wenn sie wollten, und dem Haifischbecken ihrer eigenen Kollegen. Natürlich steht davon nix in der Zusammenfassung von Nordmedia….. wär ja auch wirklich zu langweilig und abschreckend. Die Leute wollen SENSATIONEN!

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4 Kommentare leave one →
  1. Juli 22, 2011 7:08 am

    harhar, du sprichst (nicht nur) mir aus der seele! ich sitze seit einem monat an einem drittmittelantrag – den ich als nichtpromovierte ja eigentlich gar nicht schreiben darf. chefin sagt: machmal, ich zerbrech mir den kopf. ich hab mir vorgenommen, mit spätestens 40 verlass ich dieses system, falls ichs nicht in die (verbeamtete – davon träum ich ja gar nicht mehr) festanstellung geschafft habe. frei nach den bremer stadtmusikanten: „was besseres als eine mittelbaustelle werden wir überall finden“!

  2. Juli 24, 2011 8:20 pm

    Ach, wie macht man Arbeit fernsehtauglich …

    Beim ersten Arbeiten in der Fabrik hab ich gemerkt, dass mein Bild davon von der „Sendung mit der Maus“ kommt. Da funktionieren alle Maschinen immer so toll und die Menschen sieht man fast gar nicht – und bestimmt nicht, wie sie mit Besenstielen in Maschinen rumprökeln, um feststeckende Brötchen rauszukatapultieren und kleine Aushilfen angepault werden, die natürlich mit der Fliesbandgeschwindigkeit nicht gleich zurechtkommen

    • Juli 25, 2011 8:10 am

      Ich glaube, es wäre gar nicht so schwierig, „Arbeit“ fernsehtauglich zu machen. Immerhin sind wir ja schon groß und können auch etwas komplexere Dinge als „Sendung mit der Maus“ verstehen.
      Es mangelt, m.E., einfach an dem Mut die Wissenschaftsklischees zu durchbrechen und mal zu zeigen, wie es aussieht. Vielleicht würde es sich auch nicht verkaufen, gut möglich.

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