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Kaffeekränzchen am Beckenrand, oder: Mama007 ertüchtigt sich.

August 23, 2011

Nie im Leben hätte ich gedacht, dass ich mal freiwillig Sport treibe. Mein Schülerleben war von traumatischen Erlebnissen in Turnhallen und auf Sportplätzen geprägt. Zwar konnte ich auf die höchsten Bäume klettern, pro Woche ca. 10 Kilometer Fahrrad fahren (jaja, der Weg zur klassischen Bürgertumsbildung ist steinig!) und auch über wassergefüllte Gräben springen (die Rate nasser Hosen kennen meine Eltern bis heute nicht, vermute ich. Aber eventuell täusche ich mich, Eltern wissen ja bekanntlich doch immer alles….) – diese sportlichen Freizeitaktivitäten waren aber im Schulsport völlig egal.

Im Schulsport wurde ich immer als Letzte gewählt. Ich traf kein einziges Tor und im 60-Meter-Lauf war ich immer Letzte. Der Schwebebalken war furchtbar und die Kletterstange geradezu eine Nemesis. Also lassen wir das. Es war furchtbar.

Aber nun ist es soweit: Mama007 hat einige Kilo zugelegt und will auch prinzipiell mal wieder was „für sich tun“. Und entschied sich für Sport, genauer gesagt: Schwimmen. Soll ja so gesund sein, Rücken entlastend und schwimmen konnte ich früher eigentlich ganz gut. Gesagt, getan, ab ins Schwimmbad. Nein, in diesem Sommer NICHT in den See, und Freibäder sind mir zuwider (traumatische Kindheits-Sport-Erlebnisse beim Schwimmunterricht….), das heißt es bleibt nur das Hallenbad.

In Ordnung. Nachdem ich einen Badeanzug erstanden hatte, der nicht 90 € kostete (probieren Sie es, dann wissen Sie wovon ich rede!) und Badelatschen für 3,99 € habe ich es getan. Frohen Mutes und bereits vor dem ersten geschwommenen Meter ganz euphorisch weil ich nun SPORT treiben wollte. Das hebt die eigene Selbstwahrnehmung ganz ungemein.

Bereits vor dem Hallenbad erwartete mich eine 10 Meter lange Rentnerschlange. Das Bad öffnete um 10.00 Uhr, bereits um 2 vor 10 gings los: „Unpünktlich sind die…..“, „Unvaschämtheit!“, „Wir wollen ooch rin….“. Man könnte glauben, es ging um eine Grenzübergangsöffnung ins kapitalistische Ausland. Um 2 NACH 10: „Unglaublich, Frechheit, jetzt reichtet hier aaba!“. Zum Glück schloß eine liebreizende Bademeisterin auf, das beruhigte die erregten Gemüter der zumeist männlichen Rentner. Die älteren Damen hatten sich eh schon festgequatscht, die hätten auch noch 5 Minuten weiter gewartet. Also: nu alle rin.

Niemand brauchte natürlich wie ich eine Einmalkarte. Alle hatten Dauer-, 10er- und 25er-Karten zur Hand und verschwanden wie der Blitz in den Umkleiden. Sichern der besten Plätze! Als ich endlich und nach vielem Fummeln mit dem Schrankschlüssel (erwähnte ich, dass Schrank- und Türschlüssel aller Art und ich NIE miteinander harmonieren?)  in der Badehalle ankam, war das Becken voll. Also, ich meine: VOLL. Eine Hälfte war in Bahnen geteilt und gefüllt mit rüstigen Rentnern, die nach Zeit schwammen. In dem Teil, den ich benutzen wollte, herrschte freies Schwimmen.

Die DAme mit der blauen Rüschenbadekappe schwamm immer genau 5 Runden. Die beiden anderen in schwarz-gold-gescheckten BAdeanzügen schwammen ruhige Bahnen und redeten derweil über den Dackel, die Enkel und darüber, dass Manfred ja nu auch… da kam leider etwas Wasser in mein Ohr. Auf jeden Fall schwammen sie so langsam und in der Mitte des Beckens, dass Rüschenkappe sie mehrmals überholen musste. Als ich endlich nach der ersten Bahn am anderen Beckenende ankam, traf ich auf ein ca. 65 Jahre altes Pärchen: er mit Goldkettchen an Hals und Hand und Goldrandbrille auf (ich dachte, sowas ginge gar nicht! Hätte ich ja gar nicht so blindschwimmen müssen ohne Brille!), sie daneben tiefbraun, faltig und angetan mit einem himmelblauen Modell und Perlenkette um den Hals. Man sprach über die Grauen Panther.

Beim nächsten Anschlag am selben Beckenrand (die dazwischen verstrichene Zeit verschweige ich hier. Sollte ich irgendwann wieder schneller schwimmen, können wir gerne darüber reden!) hatten sich auch die beiden Langsamschwimmer dazu gesellt und man diskutierte über die anstehenden Lokalwahlen. Wie gesagt: Graue Panther. Zusammen stark, u.s.w. Am anderen Beckenrand begab sich inzwischen Willi ins Wasser. Willi war auch gute 70 und wurde erwartet von zwei DAmen im gleichen Alter, die bis dato über WIllis jährliche Ausflüge als Passagier eines Frachtschiffes gefachsimpelt hatten. „Weeßte, dat machta einmal im Jahr. Findta toll. Ja. Letztes Jahr wara in Finnland. Da kann man wohl imma so gucken, wenn die denne ausladen. Ja, er sacht, det wäre spannend! Finnste komisch? Naja, macht ihm woll Spass! Und sparen kannste da…..!!!!!!„. Nu war Willi endlich da und wurde unter Späßchen, die mir schon als Teenie bekannt waren, ins Wasser gelockt. Dass alte Damen noch solchen Spaß am Rumflirten haben!? Da sieht mans mal wieder: Außenwahrnehmung und Eigenwahrnehmung!

In der Mitte des Beckens (ich war mittlerweile völlig euphorisiert bei der 8. Bahn angekommen, natürlich mit Päuschen), gings derweil um die letzte OP: „Weeßte, ich mach da lieber selba Massagen und so. Reiki. Ja, so mitte Hände. Weeßte, da zahl ick lieba selbst, aber da weiß ick was ick hab!“ —– „Ja, nee, sone Kur is ja keen Urlaub, nich?„.

Der Graue-Panther-Klub verließ indessen das Becken, ich auch. Eine Stunde Schwimmen reicht für den Anfang! Beim Auskleiden klingelte in der Nachbarkabine das Telefon. Ein Handy! In der Altersklasse! Man lernt nie aus. Jetzt dürfen Sie den Klingelton raten, es war was Klassisches.

Genau. Dadada-DOAAAAAAAAA. Beethovens Fünfte. Mich beschlich das Gefühl, dass das alles unsere eifrigen Kunden im Kulturbetrieb sind….. gut, dass man im Schwimmbad anonym ist.

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