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Kulturschock

November 28, 2011

Ich weiß ja, Kinder und Kultur, das ist schwierig. Wenn ich an all die Eltern denke, die mir in den letzten 10 Jahren Kulturjob erklärt haben, dass auch 2jährige durchaus 5 Stunden Wagneroper durchstehen – „Wissen Sie, die Amalie, die LIEBT ja einfach klassische Musik!“ – oder extra ab Schulalter ausgewiesene Kinderkonzerte unbedingt mit dem 3jährigen Mario-Gustav besuchen müssen – „Wissen Sie, der spielt doch auch schon Geige. Der ist SO musikbegabt!“ – und die Eltern, die denken ein Konzert für „Junge Leute ab 14“ bedeute, dass die 6-7jährigen Kinder frei und kreischend durch die Reihen rennen dürfen, da sollte mich ja eigentlich nichts mehr aus der Ruhe bringen. Ich mag mittlerweile die Telefonate mit solchen Eltern und auch den Hinweis, vielleicht doch lieber einen Randplatz zu nehmen, falls Amalie zwischendurch auf Toilette muss oder anfängt zu weinen weils so laut und dunkel ist in der Oper. Und auch den Tipp, dass das Kind das Konzert nicht stören sollte. Immerhin zahlen andere Leute auch für ihre Karten und möchten MUSIK hören. Und nicht Mario-Gustavs Erklärungen zum Dirigenten. Nun ja.

Jedenfalls wollten wir gestern ins Puppentheater, in dem wir jedoch feststellten, dass aufgrund einer spontanen Programmänderung nun „kindgerechtes Schaupsiel“ auf dem Plan stand. Wir saßen trotzdem drinnen und ich sah all meine berufsgestählten Vorurteile über kulturinteressierte Eltern bestätigt.

Der Zettel empfahl: „Für Kinder ab 3 Jahren“. Von den 20 Kindern waren 4 über 3. Die anderen waren knapp drunter, die Hälfte war locker erst 2 oder im Krabbelalter. Macht ja nix, Kinder verstehen doch intuitiv so eine Theatersache! Genau. Deshalb dürfen sie auch über die Bühne robben, auf der Bühne rumtoben ohne dass die Eltern nix sagen, singen laufen und schreien und als Zweijähriger der Schauspielerin die Zunge zeigen wenn die darum bittet, jetzt wieder zu Mama und Papa zu gehen.Die Mutter neben mir nahm einem Kind den Stuhl weg, weil der gerade mal rausmusste. Der Stuhl war natürlich für die eigene Range, die nach 2 Sekunden postwendend wieder schreiend zur Bühne lief. Der 4jährige Kleine kam vom Klo zurück, und fing an zu weinen. Und dann habe ich was gemacht, was ich mich noch nie getraut habe (aber ich werde besser): ich habe ihr den Stuhl wieder weggenommen und gesagt: „Der gehört dem anderen kleinen Jungen. Sorry.„.

Sind doch so herzig, die Kleinen, sagte das süßliche Lächeln von 50 % der Eltern. Der Kleine Mann jedoch, und die anderen Kinder über 3 Jahren, die saßen auf ihren Stühlchen und hielten sich die Ohren zu wegen des Kinderkrachs.

Der Kleine Mann brachte es auf den Punkt als er traurig meinte: „Ich kann nix hören…..“ . Genau. Und deshalb, liebe Eltern, besucht mit euren Kindern doch bitte die Veranstaltungen, die für eure Kinder altersgemäß sind. Und wenn euer Kind wirklich so weit voraus ist, dass es was für Größere besuchen kann, dann sagt ihm doch bitte, dass es sich dann auch entsprechend benehmen darf.

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8 Kommentare leave one →
  1. timaios permalink
    November 28, 2011 8:50 am

    Wow, schade, das ist traurig. Und vielleicht kein Kulturschock – eher ein andere-Familien-schock. Das ist ja Teil unserer Kultur. Deswegen tuts ja so weh… Glaub ich.

    Und die Frage bleibt ja leider: Wie sollen wir damit umgehen? Hat jemand Tipps? Erfahrung?

    Vor kurzem sah ich im Kino den neuen „Tim und Struppi“ (FSK 6).
    Spätnachmittagsvorstellung, klingt ja oberflächlich betrachtet auch angemessen: niedlicher Titel, Trickfilm und so.
    Neben mir ein Herr Papa nebst zweier Kinder. Sie etwa sechs, er etwa acht Jahre alt. Sie: unfähig stillzusitzen, immer wieder aufstehend, den Film laufend kommentierend. Auf der Leinwand: etwa alle drei Minuten wurde eine ausgezeichnet animierte Trickfilmfigur lautstark von Maschinengewehrsalven durchsiebt. Genau so. Die zweite Hauptperson: ein hoffnungsloser Alkoholiker, dessen kalter Entzug qualvoll genau dargestellt wurde.
    Ich habe mich umsetzen müssen. Und den Yogazustand suchen müssen.
    Wieso war der Mann mit seinen Kindern dort?? Wollte er sich irgendwofür rächen? An uns? An seinen Kindern? Würde er mit ihnen auch Rambo schauen? Wieso ist er nach dem ersten Mord nicht gegangen? Wie kommt jemand auf die unsagbar dumme Idee, ein Stück Kunst sei für Kindern geeignet, nur weil es sich dabei um etwas Gezeichnetes handelt? Aaaargh!!
    (Als Heranwachsender war ich einmal zu Besuch auf einem Bauernhof in Frankreich. Der Hausherr hatte im Wohnzimmer eine beeindruckende Comicsammlung, die ich als buchinteressierter Streuner rasch entdeckte. Freilich waren die Comics nicht auf deutsch, aber zum Bilderanschauen reichte es ja trotzdem. Dachte ich. Etwa die Hälfte der Sammlung: gewaltätige Horrorgeschichten und explizit pornographische Techtelmechtel. Das war verstörend. Und reizvoll. Ich hatte nicht geahnt, dass es so etwas gibt. Da ging mit ein Licht auf. Über Kunst. Und Grenzen der Kunst…)

    • November 28, 2011 11:27 am

      Lieber Timaios, wenns dir recht ist, würde ich deinen Kommentar + Erweiterungen gerne mal als Haupttext anbieten! ist das OK?

      • timaios permalink
        November 28, 2011 11:46 am

        Äh, huh, nuja. Bitte, gern!

      • timaios permalink
        November 28, 2011 11:52 am

        By the way: Der Hinweis, Amelie sollte lieber am Rand sitzen, wegen der Toilettennähe und weil die Oper ja doch schon recht grusselig sei, dunkel und auf ungewohnte Weise laut, und weil man da schon mal einpullern könne und so… Und das stimmt ja sogar. Haha! Das finde ich toll!! Sowas ist mir damals nie eingefallen, als ich in deiner Situation war…

  2. November 28, 2011 1:39 pm

    Da lob ich mir die schlauen Veranstalter des Puppentheaters in „meiner“ NRW-Landeshauptstadt. Da kommen die Kids, wenn ab 3 im Programmheft steht, auch erst ab 3 rein. Ernsthaft. Söhnchen wurde 2 Tage vor dem 3. Geburtstag abgewiesen. Hat mich damals geärgert, weil natürlich Schreialarm, aber klar, macht letztlich Sinn.

    Ein bisschen rätselhaft ist mir tatsächlich, wieso die Veranstalter von zB einer Musikveranstaltung für junge Erwachsene kleine Kinder überhaupt zulassen. Das muss doch nicht sein. Oder wäre das wieder politisch unkorrekt, weil kinderfeindlich, die Kleinen nicht zuzulassen?

    —————————

    Manche Eltern sind echt bescheuert. Hab ich schon länger geahnt.

    • November 28, 2011 2:00 pm

      Genau. Der Punkt dieser Eltern ist, dass die Kinder das ja schon „können“ (weil so große Musikliebhaber, hoch begabt, virtuose Geigenspieler mit 2 Jahren, you name it, alles schong gesagt bekommen und gehört). Der Hinweis, dass diese Veranstaltungen erst ab XXX Jahren gedacht sind, muss sehr sehr vorsichtig erfolgen. Ich glaube, eine Einlass-Sperre würde hier Barrikadenbrände zur Folge haben. Wenn die Kinder das doch unbedingt WOLLEN!
      Ich denke auch, dass das ein großes Problem der Eltern ist. Sie wissen schon: „Nichts verpassen“, „Kind ist soooo begabt“, blabla. Eine sehr nette Kollegin mit mehreren musikaffinen und instrumentenspielenden Kindern sagte mir mal serh herzerfrischend:
      „Weeesste, dit reicht ooch, wenn man denen mit 7 ne Klarinette jibt!“ . Und: ihre Kinder sind der lebende Beweis!
      Allerdings, wenn man den zweiten Mozart sein Eigen nennt, ist all das natürlich viel zu wenig. Mit 7 Jahren, ts! Mit 2 beginnt die heiße Phase….

  3. November 28, 2011 4:31 pm

    Ich weiß, dieser Förderwahn treibt wahrlich wüste Blüten. Hier in NY wird das -natürlich- völlig auf die Spitze getrieben. Kein Dreijähriger ohne Lerncomputer, Art-Classes und Mandarinunterricht. Muss ich mal drüber bloggen, gute Idee.

    • November 29, 2011 7:48 am

      Auja, ich würde mich SEHR darüber freuen! Einen Lerncomputer (also so ein Buch mit Elektro-Stift, der einem dann was vorliest?) habe ich bislang erst bei einem Dreijährigen gesehen, der dazu noch 3sprachig erzogen wurde. Mongolisch, Englisch, Deutsch. War, äh naja…., spannend.

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