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Man muss nicht alle Bücher auslesen…

Juni 13, 2012

Seit der Ankunft des Kleinen Mannes sind meine Zeitfenster kleiner geworden. Prioritäten setzen ist die Folge. Das hatte uns schon unser Lateinlehrer kurz vorm Abitur angedroht, aber mit 17 lacht man natürlich darüber. Egal.

Jetzt ist Prioritäten setzen angesagt und das bedeutet: zunächst haben sich meine Lesezeiten stark verkürzt und liegen jetzt hauptsächlich auf den 30 Minuten Mittagspause und vielleicht mal bissel zuhause. Und nicht mehr, wie früher, den ganzen Sonntag aufm Balkon. Sowas können nur Singles… um es mal ganz klischeehaft rüberzubringen. Der Kleine Mann hat am Wochenende anderes vor, das können Sie mir glauben! Und: wozu lesen wenn man mit dem Kleinen Mann so tolle Sachen wie Wasserspielplätze besuchen kann und sich um die Eissorte streiten darf?

Aufgrund der geschrumpften Zeitfenster bin ich in den letzten Jahren, leider, der Sucht nach leichter Literatur verfallen. Also entweder Krimis oder historische Romane oder Biographien und Sachbücher – Sachen eben, die man eben auch mal schnell zur Seite werfen kann wenns aus dem Kinderzimmer rumpelt oder die Milch im Topf so merkwürdig zu wallen beginnt. Es ist schwierig, sich mit Liebe in Henry James´ langwierige Heroinen hinzuversetzen wenn man gleichzeitig ein Auge auf die Dinonudeln werfen muss. Die besten Erfahrungen habe ich noch mit Sachbüchern gemacht. Und beim Thema Nonfiction Neal Stephenson, Elizabeth George und Michael Crichton gewählt. Das geht gerade noch so. Aber: mit denen kann man nicht zwei Jahre füllen, wenn man lesesüchtig ist. Also sucht man nach anderem Lesestoff. Und was mir dabei geschah, habe ich schon mal angedeutet. Es finden sich Bücher auf meinem Tisch, bei denen ich schon beim Titel zweifelte.

Und da das Auslesen nur dazu führt, dass ich am Ende schlechte Laune habe weil ich soviel Zeit in etwas wirklich Übles investiert habe beschloß ich vor gut 8 Monaten, dass nun Bücher auch unausgelesen weggelegt werden dürfen. Glauben Sie mir: das erleichtert. Vielleicht litt ich auch an einem preussischen Trauma alles immer bis zum bitteren Ende durchziehen zu müssen. Ich kann sagen: In Bezug auf Bücher habe ich das wohl überwunden.

Einige der Titel, die ich in den letzten Monaten auf dem letzten Drittel vorzeitig zugeschlagen und sofort bei Booklooker eingestellt habe:

James Patterson: Die Rache des Kreuzfahrers. Typischer Fall eines historischen Romans, der nur im Titel historisch ist. Eventuell hat der Autor noch ein bisschen Namen und historische Kostüme und Lebensart recherchiert. Dann hört es auch schon auf, denn Sprache, Denken und Verhalten der Hauptpersonen ist ganz 20. Jahrhunderts. Oder glauben Sie, ein Schmied der 11. Jahrhunderts hätte ernsthaft Sachen gesagt wie: „Ist das real?“ . Danke, nein.

Gregory Roberts: Shantaram. Typischer Fall von: Oh, exotischer Ort, dickes Buch, in weitestem Sinne eine Familiengeschichte – kaufe ich. Spätestens als aber immer wieder „die aparte Frau mit den grünen Augen“ auftauchte hätte ich misstrauisch werden sollen. Ende auf Seite 400 von 1088 Seiten. Dick und Familiengeschichte reicht nicht immer wenn der Erzähler so von sich eingenommen ist dass selbst der tragische Tod seines besten Freundes nur als Kulisse dient.

Friedmar Apel: Deutscher Geist und deutsche Landschaft. Bitte, bitte, bitte…. Tucholsky hilf! Dem „Neudeutschen Stil“ von ihm ist hier nichts mehr hinzuzufügen und es gilt für soviele Sachbücher, die eigentlich spannende Themen bearbeiten. Unfassbar dass solche Bücher immer noch publiziert werden und in den freien Handel gelangen. In diesem Fall hätte mich die darunter liegende Idee (wie und ob Landschaft den Geist eines Nation formt) brennend interessiert, zumal diese auch in anderen tollen Büchern (etwa hier) vorkommt. Leider wird das Ganze in Sätzen dargebracht wie:

Die Auslotungen der Autonomie des Subjekts bei Brentano changieren zwischen der Vergötterung der schaffenden Phantasie des KÜnstlers, der sinnlichen Hingabe ans reine Sein und dem kunstfeindlichen Sichaufgeben in der Gemeinschaft und streifen so fragmentarisch das ganze Spektrum möglicher Selbstdefinitionen des Ich im Verhältnis zur Gemeinschaft.“ (S. 83)

Verstanden? Nein? Erst beim 5. Mal drüberlesen? Genau, und so sollte es eben NICHT sein. Zumal nicht auf 240 Seiten. Nicht, dass ich es jemals bis Seite 83 geschafft hätte, mich hats zirka auf Seite 35 rausgehauen.

Deshalb: Bücher MÜSSEN nicht zwangsweise zu Ende gelesen werde. Bei nem schlechten Film mache ich ja auch vor dem Ende aus. Dann lieber abwaschen – oder Lesen! Und demnächst probiere ich dann mal die Methode von Tucholsky aus, Bücher von ihrer letzten Seite aus zu beurteilen…..

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6 Kommentare leave one →
  1. Juni 13, 2012 7:19 am

    Gute Idee … ich habe mich nämlich gerade auch durch ein dickes Buch gequält (Die gelben Augen der Krokodile | Pancol: Idee nett, Umsetzung auf 500 Seiten weniger wünschenswert – ich ließ mich von der Rezension, dass die Autorin damit ganz Frankreich verzaubert habe, über die flachen Sätze hinwegtäuschen) und habe mich ab der Mitte darüber geärgert … und trotzdem brav fertig gelesen 😦 Weglegen schaff ich leider nur ganz schlecht.
    Das mit der letzten Seite allerdings: ja, ja, ja!!! Wenn man keine Krimis liest, ist das unbedingt empfehlenswert. Beschert einem nämlich manchmal einen zusätzlichen Lesegenuss, wenn man das Spannen des Bogens sozusagen aktiv mitverfolgen kann.

  2. Juni 13, 2012 7:36 am

    Probiers mal mit weglegen. Es gibt einem eine gewisse Genugtuung, schlechte Bücher einfach dorthin zu tun wo sie hingehören: in die „Kann weg“-Kiste. Plötzlich hat man soviel freie Zeit für tolle neue Bücher – oder anderes….
    Was war denn dein letztes empfehlenswertes Buch? Ich hab nämlich bald Urlaub 😉
    Liebe Grße: Mama007

    • Juni 13, 2012 7:55 am

      Das mit der „Kann weg“-Kiste nehm ich mir ab jetzt fest vor! Mein letzter Buch-Treffer: Eugen Ruge „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ (hat mir sehr sehr gut gefallen). Und: Die Stille ist ein Geräusch von Juli Zeh.

  3. timaios permalink
    Juni 13, 2012 8:17 am

    Oh, ja! Lies mal den Ruge und die Zeh, mama007, – die hol ich mir beide nach deinem Urlaub gleich ab…! (Meine derzeitige S-Bahn-Literatur ist „Der Zauberspielgel des M.C. Escher“ – gehört halb zur Arbeit und ist halb Vergnügen.)

    • Juni 13, 2012 8:34 am

      Na, das läuft hier doch! Ich bin Schnell-Leser also immer her mit den Empfehlungen!

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