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Tourismus – na dann Prost.

Juni 22, 2012

Also, ich steh ja nicht so auf Ferntourismus. Obwohl mich das ironischerweise nicht daran gehindert hat jahrelang in einem Land in Lateinamerika ohne Wasser und Strom politische Unruhen und Arbeit zu durchleben. Seitdem steh ich auch nicht so auf Leute, die meinen, sie würden den ultimativen Einblick in faszinierende ursprüngliche Kulturen erhalten, nur weil sie mal irgendwo 2 Wochen am Stück verbringen. Da wird mir übel anders. Normalerweise sage ich da auch nix zu, weil meine Emotionen da mit mir durchgehen und ich dann unsachlich werde, aber dieser Reisetipp auf Spiegel Online enthält alle einschlägigen Stichworte dazu und zeigt dann auch noch eine glückliche blonde Frau (ich weiß, die kann nix dafür dass sie blond ist, aber trotzdem!) die mit den Einheimischen irgendwas stampft/mörsert. Da krieg ich Ausschlag von! Das hat alle Anzeichen von Ethnisch-Kolonial-Gutmenschlich für mich. Und erinnert mich an all die blonden gutmenschlichen Frauen (und Männer!) die in den Jahren in Lateinamerika so an mir vorbeizogen. Und die alle (alle!!!!!!!!!!) diesen Diskurs drauf hatten. Manchmal sieht man das auch auf Blogs, die vonWeltwärts gesponsert werden. Nette Praktikanten, die in Lateinamerika (oder sonstwo) helfen wollen. Dieses ganze Helfen-Getue geht mir so auf den Keks. Zum Helfen braucht man erstens eine sehr gut durchdachte Idee und zweitens Ortskenntnis. Und das Verreisen um irgendwo auf der Welt anderen zu helfen kommt mir trotzdem immer noch sehr kolonialistisch daher. Sollte sich die Theorie der Entwicklungshilfe mittlerweile gedreht haben, lasst es mich wissen, auch Lektüre hierzu ist mir hochwillkommen.

Also, und zurück zum Thema: Bittebittebitte. Wenn ihr irgendwo hinfahrt, dann lasst die Idee dass ihr jetzt irgendwas ursprünglich Traditionelles, Echtes zu sehen kriegt doch bitte zu Hause. Genießt die Reise, wenn ihr schon wegfahrten müsst. Guckt euch Land und Leute an. Aber verschont andere mit der Idee dass ihr gerade „die wundervolle Gelegenheit“ hattet, „tiefe Einblicke in die faszinierende Kultur der Bribris zu erhalten, in Ihre Bräuche & Geschichten.“ so wie die blonde Frau auf dem Foto. Wenn ihr andere Leute kennenlernen wollt, dann zieht mal 6 Monate oder länger da hin und macht da irgendwas Ernsthaftes. Danach möchte ich gerne nochmal drüber reden.

So, und jetzt, bevor ich hier explodiere, schweige ich lieber. Vom Rumbrüllen kriegt man nur Pickel, schlechte Haut und ´n Nervenzusammenbruch.

Mama007 während eines ihrer ganz persönlichen Auslandseinsätze.

(Quelle Foto oben: Mama007

Foto unten: das Internet)

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8 Kommentare leave one →
  1. Juni 22, 2012 7:44 am

    oh wie gut dass das mal wieder jemand sagt… ich finde tourismus vollkommen okay solange die verhältnisse geklärt sind. also ich touristin bezahle dafür das ich an einem anderen ort sein darf. ich mache nix gut, ich mache nix besser. ich helfe vor allem mal mir selbst mit einem schönen urlaub und wenn ich nett bin versuche ich dabei möglichst wenig kaputt zu machen. oder haben all die individualreisenden das gefühl, sie machen was besser wenn sie in daheim in den supermarkt gehen und imhotelübernachten? und warum zum teufel 18 jährige abiturient_innen ohne ausbildung glauben, dass sie mit einem fsj in nicaragua irgendwas besser machen? ich mein klar, so n abitur ist schon ne klasse ausbildung da hat mensch echt was drauf und kann es den „eingeborenen“ mal so richtig zeigen wie es besser geht… sorry ich verstehe deine wut immer diese überheblichkeit. ich war aber auch so drauf, mein chileaufenthalt hat mich geheilt, zum glück…

    • Juni 22, 2012 8:06 am

      Ooh, Chile. Wie lange, wann, wo????
      Und ja, die Leute die da haufenweise „zum Helfen“ durch die Welt reisen, gehen mir TIERISCH aufn Keks. Und Ethno-Touristen (das ist ja die neue Mode) auch. Vielleicht aber bisschen weniger, weil sie wissen, dass sie Touris sind, die aber durch ihr Geld vor Ort irgendwie was Gutes tun. Aber tendenziell – auch schwierig.
      Grüße und ich bin gespannt wegen Chile! Mama007

      • Juni 22, 2012 8:30 am

        11. klasse, schüleraustausch (2002), 3 monate, vina del mar. oh ist gerade 10 jahre her. und meine familie und freunde da haben ganz viel geld ausgegeben um möglichst überhaupt keinen kontakt zu irgendwas vermeintlich ursprünglichen zu haben… ich kenn da also nur die, die genug geld haben ihre kinder auf europäische schulen zu schicken… lg unsichtbares

      • Juni 22, 2012 8:38 am

        Oh, spannend. Und ja, Schüleraustausch in Lateinamerika heißt meistens, dass man mit härteren Realitäten nicht so in Berührung kommt. Auch als Austausch-Student häufig nicht. INsofern ist Reisen und Reisen immer ein Unterschied…
        Liebe Grüße!

  2. Juni 22, 2012 8:46 pm

    war grad n schöner artikel von afrikawissenschaft.wordpress.com die bei mädchenmannschaft schreibt (grad in kenia).

  3. Juni 24, 2012 3:30 pm

    oja, das kann ich bestätigen: Ein halbjähriger Aufenthalt in einem fremden Land relativiert auch eigene bisherige Sichtweisen

    • Juni 25, 2012 6:03 am

      Ja, wie gesagt, das würde ich auch dreimal unterstreichen. Wo warst du denn im Ausland? Grüße Ihre Mama007

      • Juni 25, 2012 6:22 am

        Ich habe ein halbes Jahr in Ägypten gelebt und kann seither auch jeden Ausländer besser verstehen, der sich bei uns nicht integrieren will. Ich war zu bequem, arabisch zu lernen, weil man mit Englisch „ja eh überall durchkommt“, habe versucht, den deutschen Tagesrhythmus und die deutsche Pünktlichkeitsvorstellung beizubehalten. Trotz des Unverständnisses unserer Angewohnheiten gegenüber habe ich auch sehr viel Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft erleben dürfen. Aber da ich Bekanntschaft mit meiner eigenen beschränkten Anpassungsfähigkeit (oder Willigkeit) gemacht habe, kann ich auf Dauer wohl nur in einer etwas „kompatibleren“ Kultur leben 🙂 Jetzt bin ich aber ohnehin erstmal sesshaft, bis die Kinder aus dem Haus sind.
        Liebe Grüße
        DWM

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