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Körperveränderung

August 22, 2012

Bis vor einem Monat lief im Deutschen Historischen Museum eine Ausstellung namens „Fashioning Fashion“ . Und da ich Urlaub hatte war ich da auch drin. Immerhin habe ich eine ausgeprägte Liebe zu alter Mode und würde gerne tagsüber Empirekleider á la „Emma“ tragen. Sähe aber wohl im Büro komisch aus, deshalb horte ich meine zuhause im Schrank. Naja. Egal. Jedenfalls erwartete ich eine Ausstellung, die eben schöne alte Kleider zeigt und mir außerdem was über Mode, Gesellschaft und die anderen damit verknüpften Punkte unseres Alltagslebens aufzeigt. Immerhin hieß es „Fashioning Fashion“ und da könnte man ja annehmen, dass es darum gionge wie Mode hergestellt und beeinflusst wird. Aber denkste. Es war eine Ausstellung in der man sich an alten, wunderschönen Kleidern satt sehen konnte – und sich am Ende fragte, warum das Ganze nun „Fashioning Fashion“ hieß. Denn ums „Fashioning“ gings eher mal gar nicht. Es ging nur darum uns schöne alte Sachen zu zeigen und ein bisschen drüber zu reden wann was hergestellt wurde und was das für tolle Farben waren und Webtechniken.

Was die Veränderung der Körpersilhouette gesellschaftlich und persönlich bedeutete in den letzten 250 Jahren, was Mode mit Arbeit und Arbeitsbedingungen zu tun hat – dazu wurde mal ein ganz klein bisschen angedeutet. Aber nicht zuviel, damit sich der Besucher nicht mit dem ganz unten liegenden gesellschaftlichen Abstraktum der MODE beschäftigen muss. Ist ja auch anstrengend, immer dieses Nachdenken. Da lässt mans lieber ganz raus. Ist sicherer und die Leute habens einfacher.

Schade eigentlich, denn Mode und Körperbilder und unsere Reaktionen und Interaktionen dazu sind doch super spannend! Einige Tage danach fiel ich nämlich im Supermarkt meiner Wahl in die BZ des Tages – die berliner Tageszeitung für Bauarbeiter, sozusagen. Kurze Nachrichten und vorne immer ein Nackideibild drauf. Natürlich von einer Frau, logisch, wa? Leider finde ich gerade keines im Internet, aber lasst euch gesagt sein, ich stutzte. Ich meine, ihr wisst alle wie n.ackte Frauen aussehen. Diese hier hatte einen Bu.sen, der sah aus als wäre er dreimal operiert und dann noch zweimal am Computer überarbeitet worden. Er sah aus, als wäre er an die Frau rangeklebt worden. Keine Ahnung wer sowas schick finden soll, ich fands furchtbar. Und als ich mir das so anguckte und an mir selber zweifelte fiel mir wieder ein, wie sehr sich Körperbilder im Gedächtnis verändern können. Seit ich zum Beispiel ins Fitness-Studio gehe, sehe ich einmal die Woche wieder ganz normale Frauen nackt. Also mit Hängebu.sen, klein, groß, dick, sehr dünn, alles durcheinander. Ein ganzes Panorama normaler Körper, da wir uns ja alle zumindest partiell in der Garderobe umkleiden. Und da ich seit Jahren an keinem FKK-Strand gewesen war, hatte ich völlig vergessen dass normale Frauen eben genauso aussehen: normal eben. Alle unterschiedlich. Der von den Medien allerorten öffentlich zelebrierte Standardbu.sen taucht dort höchsten 1 x unter 20 auf, obwohl er sich in meinem Hirn gerade als STANDARD etabliert hatte. Bilder wirken eben, wenn man sie allerorten einsaugt. In all den Jahren ohne FKK und Sauna hatte ich das irgendwie völlig vergessen, denn der nackte Frauenkörper trifft ja doch eher im Fernsehen und in diversen anderen Medien auf mich, aber nicht mehr realiter.

Gerne trifft man ja Frauenbilder auch bei Helmut Newton oder bzw. und in der unsäglichen Newton-Bar in Berlin, die leider in der Nähe meiner Arbeit liegt. Ehrlich mal: wie kann man bitte als vernünftige Frau in so nem Laden was trinken gehen wenn über einem perfekte Frauenkörper in Stilettos an der Wand prangen? Ich krieg da ne Krise. Erstens weil ich diesem Bild in keinster Weise entspreche, außer dass ich und die porträtierten Frauen alles Weiße sind. Außerdem wegen des Frauenbildes, dass da öffentlich immer schön weiter propagiert wird. Natürlich würde sich die Newton-Bar nie trauen mal Selbstakte aufzuhängen, wie sie z.B. vor einigen Jahren von einer Fotografin als Buch veröffentlicht wurden. Frauen porträtierten sich selbst und nackt, und zwar alle. Junge, Alte, sehr Alte, Schwangere, Dünne, Dicke, Operierte und Vollständige. Mit Selbstauslöser und in selbst gewählten Posen oder eben Nicht-Posen. Liebe Besucher der Newton-Bar, wie wäre es wenn mal ein bisschen bei euch Realität Einzug hielte? Aber da die Damen die dort ihren Prosecco zu sich nehmen ebenfalls aussehen als würden sie gerne von Newton porträtiert werden und hätten sich schon mal in vorauseilendem Gehorsam so hinoperieren lassen, stellt sich die Frage ja gar nicht. Deren Realität oder zumindest Eigenwahrnehmung entspricht den unsäglichen Fotos. Hilfe.

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4 Kommentare leave one →
  1. August 22, 2012 5:47 pm

    Ja, in so enttäuschenden Ausstellungen war ich auch schon und hab übelegt für welche Zielgrppe sowas konzipiert wird…oder ob es den Initiatoren selbst an Interesse mangelt. LG

    • August 23, 2012 7:10 am

      Ich glaube, es geht darum etwas möglichst GEfälliges anzubieten. Das ist bei alter Mode natürlich einfach, denn sowas ist schön anzusehen und irgendwie doch historisch. Was ich absolut NICHT evrstehe ist dass man sich nicht mal mehr darum kümmert, wenigstens am Rande mehr Informationen drumherum anzubieten, z.B: auf Infotafeln u.ä., die ja eh nur die lesen, die sich die Zeit dafür nehmen.
      Aber ich vermute, es ist (wie fast immer) eine Kostenfrage…. weniger Ausgaben = mehr Profit bei den Einnahmen…..
      Liebe Grüße: Ihre Mama007

  2. September 2, 2012 6:12 pm

    Ich war auch in der Ausstellung, und ich teile deinen faden Nachgeschmack absolut.

    Ich bin noch lange herumgerirrt und habe nach Informationen gesucht, Reflektionen, Problematisierungen, naja, irgendetwas Spannendem eben.

    Stattdessen habe ich viele Kleider gesehen, manche, die ich schön fand, manche fand ich auch lustig, verblüffend, ästhetisch, übertrieben oder albern….aber das war´s dann auch.

    • September 3, 2012 6:43 am

      Mensch, da hätten wir ja zusammen reingehen können. Wäre sicherlich spannend gewesen. Ich hatte auch schon überlegt, mal was ans DHM zu schreiben. Mach ich wohl auch, sowas ärgert mich einfach.
      Liebe Grüße: Mama007

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