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Arm & Reich

Oktober 9, 2012

Der Kleine Mann hat eine neue Lieblings-CD. Das wechselt immer mal, aber diesmal hat er sich was wirklich Großartiges ausgesucht: Luis Rico, bolivianischer marxistisch angehauchter Liedermacher. Lieder zu Minenarbeiter, Landarbeitern, Frauen, Kindern, indigenen Leuten die übers Land wandern, über Armut und Reichtum. Am laufenden Band, Lied für Lied, und zwar so intensiv, dass mir bei jedem davon Schauer den Rücken rauf und runter laufen.

Der Kleine Mann hört sich das laut seiner Aussage gerne an, weil da immer so „lustige Flöten pfeifen“ – ähm ja, also die diversen indigenen „Panflöten“, die natürlich nicht Panflöten heißen, sondern Quena, Zampoña, etc. Papa007 ist Experte für indigene Instrumente und könnte das besser erklären. Ich stelle hier nur lieber ein Bild von einer kleinen Auswahl der Dinger ein.

Da aber das Spanisch des Kleinen Mannes nun immer besser wird, und er ja eh seit Jahren mehr versteht als er spricht, saßen wir neulich da und guckten ein Buch während Don Luis im Hintergrund von den Minenarbeitern sang. Beim Kleinen Mann bleiben vor allem zwei Worte der Strophe hängen: „Ritter“ (caballero, übersetzt als Ritter oder auch reicher Mann) und „arm bleiben“ (quedar en la miseria).

Mamaaaaa….“ folgte sofort die Frage:  „Warum werden die Ritter?“

„Tja, Kleiner Mann, die sind keine Ritter sondern ganz reich. Und werden reich weil die Bergarbeiter ganz viel arbeiten und Metall und Gold aus der Erde holen.“

„Aber warum bleiben die dann arm?“

Mein lieber Scholli – so, jetzt erklären Sie mal einem Vierjährigen die kapitalistische Welt. Zum allerersten Mal habe ich vor einer Frage kapituliert. Ich meine, kann ich meinem Sohn mti vier Jahren erklären dass die Welt SO ungerecht ist? Dass es minderjährige „Minenarbeiter“ in Bolivien gibt? Dass sich Menschen Tag für Tag in unmenschliche Stollen quetschen um ihr Überleben zu sichern und ihre Kinder zur Schule zu schicken? Für unsere Smartphones und Computer? Ganz ehrlich: ich habs nicht über mich gebracht.

„Das ist eine gute Frage, Kleiner Mann. Manchmal ist das nicht gerecht.“

Nein, es ist nicht gerecht. Und zusätzlich zu den Schauern die ich bei diesen Liedern bekomme weil ich an die Menschen denken muss, die ich in Bolivien gesehen und kennengelernt habe, staut sich Wut in mir an über diesen grundsätzlichen Fakt des Systems. Seit einem Jahr erklären wir dem Kleinen Mann natürlich auch, dass es Kinder gibt, die weniger haben als er. Vor allem in anderen Regionen dieser Erde. Kinder, die kaum Spielzeug haben und keinen Arzt, zu dem man sie beim Schnupfen bringt. Kinder, die weniger zu essen haben und weniger Kleidung. Kinder, die verglichen mit den Kindern der HartzIV-Empfänger in Deutschland, noch viel viel weiter „unten“ stehen. Ich will das gar nicht übermäßig dramatisieren, denn diese Kinder sind auch glücklich. Aber es ist trotzdem ungerecht und beruht auf unserem Wohlstand. Und das kann man ruhig auch vermitteln. Die deutsche Sicherheit, in der wir uns wiegen ist einfach eine unglaublich luxuriöse Angelegenheit. Arzt, Essen, Wohnung – und vor allem die relative Sicherheit, dass der Staat dich schützt, sind schon ziemlich einmalig.

Luis Rico singt in einem Lied über einen wandernden Landarbeiter, der das Massaker der Mine Siglo XX beschreibt:

Soldado callado, palomitay, es como enemigo, [….] soldado con arma, palomitay, con fuego cerrado“ – „Ein schweigender Soldat, mein Schatz, ist wie ein Feind [….] ein Soldat mit einer Waffe, mein Schatz, mit Sperrfeuer.“ Ganz genau, denn er wird dich erschießen wenn du dein Recht auf Leben und Arbeit einforderst. Und das nicht nur 1967, sondern auch noch im „Gaskrieg“ von 2003 und im Wasserkrieg von 2000. Und glauben Sie mir, ich möchte nie wieder dabei sein. 2003 hat mir mehr als gereicht.

Und wer Spanisch kann und Bolivien vielleicht sogar kennt, hört jetzt hier einen meiner persänlichen Favoriten, nämlich genau jenes Lied über das Massaker von 1967.

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