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Die dünne Linie zwischen „An die Grenze gehen“ und „Grenzen überschreiten“

November 20, 2012

Wenn andere Kinder da sind, sieht man die ja immer von aussen. Und obwohl mir mittlerweile bewusst ist, dass der Kleine Mann wirklich wohl ziemlich verständig und klasse ist, verglichen mit einigen seiner Kumpels, fällt es einem eben doch noch mehr auf wenn man die dann aus nächster Nähe erlebt.
In diesem Fall: einer seiner Kumpel bleibt über Nacht. Alle freuen sich, Mama007, Papa007 und der Kleine Mann natürlich sowieso. Als der Kumpel dann aber mit uns nach Hause kommt, merken wir: Regeln sind nicht so sein Ding. Das ist natürlich klasse, wenn der Nachhauseweg aus ca. 10 U-Bahn-Stationen und darauf folgend aus 15 Minuten Spazieren an einer grösseren Strasse besteht, die von anderen Strassen ohne Ampel gekreuzt wird. Handhalten findet er doof. Hat er keinen Bock drauf. Obwohl wir es ihm erklären reisst er sich immer wieder los und macht sein Ding. Wir sind gestresst. Wir haben die Verantwortung für das Kind und wollen natürlich nicht dass ihm auch nur irgendwas passiert! Also: immer wieder um die Hand bitten, die Hand fordern. Erklären. Durchatmen. Yogazustand…. Den brauchte ich schon lange nicht mehr, jetzt isses wieder soweit. Endlich, nach 15 Minuten Laufen, zuhause.

Okay, Kinder verschwinden zum Spielen. Wir atmen durch. Dann kommen die Kinder auf die Idee, dass jetzt ein Kartenspiel oder Brettspiel toll wäre. Super, gerne! Der Kleine Mann ist eh ganz scharf auf Gesellschaftsspiele und spielt jeden Abend mit uns. Genial ist das! Also: Spiel raus, los gehts. der Kumpel macht so mehr oder weniger mit, gerade so dass man sieht, er kennt die Regeln, hat aber keinen Bock drauf. Ne sechs gewürfelt? Dann setzt er nicht raus sondern gleich ins Häuschen um zu gewinnen. Wir erklären ihm nach einigen Malen, dass es so keinen Spass macht zu spielen, weil dann kann gleich jeder machen was er will!? Nach weiteren fünf Minuten hat er keine Lust mehr und holt sich ein anderes Spielzeug. Hockt neben dem Tisch und spielt damit. Wir spielen erstmal zu dritt weiter, dann kommt er wieder dazu und räumt mit seinem Spielzeug unser Spiel vom Tisch.
Ich meine: Bitte????? Das Kind ist fünf und das war jetzt eher Typ frustrierter Dreijähriger. So gehts den Grossteil der Zeit. Es ist anstrengend. Man kann ihn wenig ansprechen, er ist in seinem eigenen Universum unterwegs. Schimpfen mit einem fremden Kind ist irgendwie auch nicht wirklich sinnvoll, und auch irgendwie nicht unsere Aufgabe. also bringen wir die Zeit mehr oder weniger rum.
Und als wir wieder alleine sind, denke ich: ist das unser Erziehungsstil, dass der Kleine Mann tatsächlich WEISS was bis wohin möglich ist? Dass er ziemlich stressresistent ist und weiss wo die Grenzen liegen und warum Regeln tatsächlich wichtig sein können? Unsere Erziehung ist eher levi-strauss, glaube ich, denn Regeln und ihr Sinn sind uns wichtig. Sie geht davon aus, dass es imminente Strukturen gibt in einer Gesellschaft. Strukturen, auf die sich alle (un)bewusst berufen. deshalb: Regeln zu kennen ist wichtig. Grenzen kennen ist wichtig. Auf Erwachsene im wichtigen Moment hören ist uns wichtig. Ist der Kleine Mann irgendwo anders, sagen wir ihm auch immer, dass er auf die anderen Eltern hören muss, so wie auf uns. Immerhin sind die dann für ihn verantwortlich und auf seine Mitarbeit angewiesen, irgendwie.
Regeln sind auch wirklich entscheidend wenn man zum Beispiel jeden Tag ohne Auto mit dem Kleinen Mann unterwegs ist. Viele Dinge gehen nicht so wie man vielleicht möchte, weil andere Menschen da sind. Viele Menschen. Manchmal nervt mich das, aber ich und auch Papa007 haben dem Kleinen Mann beigebracht was möglich ist und was nicht. Und wir fordern es ein. Immer wieder, manchmal auch laut und schimpfend. Und dann wieder erklärend. Mittlerweile kann er Dinge ganz gut alleine einschätzen, im Rahmen seiner Möglichkeiten.
Das fremde Kind hat mich daher doch leicht geschockt. Jedes Kind ist anders, klar, aber woran liegt es dass es so anstrengend war? Daran, dass Regeln einfach mehr oder weniger EGAL waren. Ob auf der Strasse oder beim Spiel, Regeln waren eher obsolet. Und ich geschockt. Macht es denn nicht erst Spass wenn man die Regeln einhält und sie DANN hin und wieder bricht? Ist es wirklich unsere Erziehung? Oder eben je nach Kind unterschiedlich?

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8 Kommentare leave one →
  1. geologenkinder permalink
    November 21, 2012 11:10 am

    Schwierig, schwierig. Meine Kinder benehmen sich zu Hause völlig daneben, ich zweifle oft an meiner scheinbar verpaßten Erziehung. Wenn die Kinder woanders sind, mutieren sie zu (fast) „Vorzeige“ Kinder. Andersrum soll es Kinder geben die zu Hause total lieb sind und woanders die Sau rauslassen. Ich bin da mit meiner Meinung sehr vorsichtig geworden. Aber ätzend hört sich das Ganze an, ich glaube so schnell darf der Kumpel kein Schlafgast mehr sein.

  2. Fritzi permalink
    November 21, 2012 11:24 am

    Liebe Mamma007,
    wir wissen nicht wie es dem anderen Kind ging, in der fremden Umgebung, was zu hause gelaufen war an dem Tag, oder ob er vielleicht einfach bloß seine angst überspielt hat… aber mein Bauchgefühl sagt mir ihr habt das mit der Alten Schule richtig gut gemacht. ihr seid auf das Kind eingegangen, habt ihm gezeigt, dass es nicht egal ist wie er etwas macht und dass er gesehen wird. aber ihr habt auch euer Ding gemacht, habt z.bsp. nicht gleich aufgehört zu spielen, nur weil er eben nicht mehr wollte. Ich denke solche Konstanzen tun den Kindern gut. da ist was zum dran festhalten. da ist ein Tages- / Abendablauf, und sie müssen lernen sich in Gemeinschaften einzufügen. Vielleicht kennt das fremde Kind das so ja gar nicht? so viel Aufmerksamkeit zu kriegen? Schade dass viele ihre Kinder nur noch (in Ruhe) lassen. und nicht mehr machen lassen und dabei auch Rückmeldungen geben, ob das nun gut ist oder eben nicht. Tja wir müssen schon vorleben, WIE wir leben wollen. Aber vielleicht wollen die anderen Eltern gar nicht so leben wie wir? vielleicht wollen sie gar nicht so viel kommunikation und nähe zu ihren mitmenschen, zu ihrem Kind?
    ich hoffe dass es bei diesem Kind „nur“ eine laune war, dann wird es nächstes Mal vielleicht schöner und angenehmer sein.

    ps: wir haben das alles noch vor uns. Aber ich war auch schon sehr frustriert als Freunde mit Kind (5 J.) hier waren und die Kleine hier alles auseinandergenommen hat! ohne zu fragen ist sie an unsere Sachen gegangen, an die Regale, an Deko am Fenster usw… Blöd wenn die Eltern dann nebendran sitzen und einfach NICHTS dazu sagen

    lg, Fritzi

  3. November 21, 2012 12:35 pm

    Ich denke, die Regeln sind von Familie zu Familie verschieden.
    Und ich weiss nicht, wie weit ein Fünfjähriger im Stande ist abzuschätzen, welche Regeln bei wem gelten, wenn er die Erfahrung noch nicht gemacht hat.
    Kurzer ist Drei, weiss dass zuhause anderes gilt, als bei Oma, und bei Oma anderes als in der KiTa und er akzeptiert das auch. Bis dahin hat es jedoch Monate gedauert und auch heute noch probiert er natürlich überall trotzdem, wie weit er gehen kann (für einen Dreijährigen gehört letzteres natürlich zum Pflichtenheft 😉 )
    Wie weit kann ein Fünfjähriger, der das bisher nie gelernt hat, gleich erfassen dass an anderen Orten andere Regeln gelten?

    • November 21, 2012 1:35 pm

      Zm beispiel weil er öfter an verschiedenen orten ist? mit funf jahren hat man eigenlicht die grundsätzlichen regeln schon ganz gut drin, v.a. die, dass man anderen erwachsenen zunächst mal zuhört. Ds lernen sie ja schon in der Kita.
      Zudem gehts nicht darum dass die regeln anders sind, denn das ist völlig logisch, sondern dass man die anderen regeln schlecht akzeptiert, auch wenn die fremde Familie sie dir als wichtig erklärt (s. Strassenverkehr).

      • November 21, 2012 2:44 pm

        Zudem gehts nicht darum dass die regeln anders sind, denn das ist völlig logisch, sondern dass man die anderen regeln schlecht akzeptiert
        Ich denke eben, dass man das erst mal lernen muss. Wenn besagtes Kind es nicht gewohnt ist mal wo anders zu sein, muss es vielleicht erst mal lernen, dass anderen Leuten andere Dinge wichtig sind, als seinen Eltern.
        Mein Dreijähriger würde in der von Dir beschriebenen Situation im Verkehr auch nicht die Hand geben. Und zwar weil ich ihm beigebracht habe – und von ihm erwarte, dass er sich daran hält! – auf dem Gehsteig ruhig neben mir her zu gehen, ohne dass ich ihn an die Hand nehme.
        Ich denke, hier sind einfach zwei verschiedene „Familienkulturen“ aufeinander geprallt. Du erwartest, dass ein Kind „erwachsenen zunächst mal zuhört“, in anderen Familien hören alle allen zu. Oder niemand niemandem. Aber ich bin überzeugt, die Eltern des Jungen lassen ihn auch nicht einfach auf einer viel befahrenen Strasse herum rennen, nur haben sie vielleicht andere Erwartungen und andere Selbstverständlichkeiten, als Ihr in Eurer Familie (ich sage „anders“, nicht „besser“ oder „schlechter“!) und der Junge hatte vielleicht Mühe, damit klar zu kommen.
        Meiner persönlichen Erfahrung nach kommt man in so Situationen weiter, wenn man die Unterschiede kommuniziert („bei euch zuhause räumt Mutti den Tisch ab, bei uns ist es so, dass jeder seinen Teller in die Spüle trägt“), dann haben fremde Kinder weniger Mühe, sich anzupassen weil sie wissen, woran sie sind.
        Aber wenn sich eines dann wirklich quer stellen würde, wüsste ich ehrlich gesagt auch nicht, wie weiter. Ich würde es wohl einfach nicht mehr einladen.

      • November 21, 2012 3:35 pm

        Danke für deinen Kommentar, ich finde ihn wirklich interessant. Aber sage mir bitte: was würdest du tun wenn ein dir anvertrautes Kind sich ständig deinen Ansagen entzieht und sich damit mehr oder weniger heftig selbst in Gefahr begibt? Und das, obwohl du die Konsequenzen und Gründe erwähnt hast, die Ansage also nicht unbegründet war?
        Mir ist wirklich nix mehr eingefallen ausser den Jungen an der Hand FESTzuhalten, egal wie er das gerade fand. Mach ich sonst nie, aber ich will auch keinen Unfall riskieren.

  4. November 21, 2012 8:59 pm

    Das liest sich wie ein kleiner Alptraum, auch wen es für Ausenstehendeetwas lustig klingt, in deiner Haut wollte ich nicht stecken. Ich denke, das ihr das nicht abschätzen konntet, denn sonst wäre das Kind wohl nicht zum übernachten gekommen… Ich denke aber auch, das es evtl weder an euch noch an ihm lag. Vielleicht die freme Umgebung, ein schlechterTag, oder eindrücke die er nicht verarbeiten, bzw. nicht mzugehen wusste.

    Ihr habt das aer gut gemeistert, denn ich finde es auch schwer mit einem fremden Kind „richtig“ umzugehen, wenn es sich ganz anders verhält als man eigentlich dachte. Villeicht ekommt der kleine eine 2. chance zum spielen am Tag, wenn der Tag wieder so abläuft, dann weisst du ja bescheid und kannst für de Zukunft entscheiden.

    LG Mel

  5. November 21, 2012 9:05 pm

    Aber sage mir bitte: was würdest du tun wenn ein dir anvertrautes Kind sich ständig deinen Ansagen entzieht und sich damit mehr oder weniger heftig selbst in Gefahr begibt? Und das, obwohl du die Konsequenzen und Gründe erwähnt hast, die Ansage also nicht unbegründet war?
    Wie gesagt: Ich wüsste nicht, wie reagieren, wenn sich ein Kind absichtlich quer stellt. Die vom Strassenverkehr ausgehende Gefahr muss man bei einem Fünfjährigen nicht mehr begründen (es sei denn, er sei im Dschungel aufgewachsen). Aber ansonsten käme es extrem auf die Situation und das Kind und meine eigene Tagesform an. Von ihn selber laufen lassen bis ihn unter den Arm klemmen und den Eltern zurückbringen würde je nachdem alles drin liegen.

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