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Danke, Gerhard Schöne.

April 10, 2013

Heute muss ich eine Lanze brechen – für einen Musiker und Komponisten, den ich seit meiner Kindheit schätze und liebe und dessen Lieder mir nie über werden.

Gerhard Schöne begleitet mich seit der Schule, als seine Platten vom eher oppositionell angehauchten Deutschlehrer in der 7. Klasse aufgelegt wurden – damit brachte er seine Vertretungsstunden bei uns rum. Wir sollten leise sein und durften zuhören. Lieder wie „Die zu früh aufgestandene Wahrheit“ oder die Werke von seiner Platte „Kinderland“, aber auch „Wellensittich und Spatzen“ waren für mich ein Fenster in eine andere Welt: eine Welt wo ich als 11-jährige verstanden wurde. Seine Lieder halfen mir, vieles um mich herum in der DDR beser zu verstehen, einzuordnen und auch die Gespräche der Eltern zuhause besser zu verstehen. Zu begreifen, dass AndersSein eine Möglichkeit sein konnte. Heute verstehe ich auch, dass das Auflegen dieser Platten nicht von jedem gekommen wäre – obwohl sie nicht verboten waren waren sie doch ganz eindeutig nicht ganz parteilinienkonform.

Später dann, nach dem Fall der Mauer, liefen seine Lieder neben Rage against the Machine, The Smiths, The Doors, den Pixies und Jimi Hendrix auf meinem Internatskassettenrekorder. Besonders „Kinderland“ war eine Platte die wir immer wieder hörten – weil sie uns zurück brachte in die Kindheit und gleichzeitig Widerstand probte gegen die Erwachsenen zusammen mit einer großen Portion Empfindsamkeit. Und mit 17, 18 Jahren wollten wir sensibel sein, aufnahme- und leidensfähig, alles 100% spüren. Aber auch das Album: „Du hast es nur noch nicht probiert“ war etwas was oft lief – und uns wach machte. Ich sah Gerhard Schöne auf einem Konzert und war berührt davon, dass man ihn live sehen konnte.

Während des Studiums gab es einen wunderbaren Gerhard-Schöne-Moment als eine meiner selbst gebastelten Mix-Kassetten auf einem 4-Stunden-Trip in den südamerikanischen Dschungel lief. Mehrere Stunden Gerhard Schöne mit Erwachsenenliedern aus den 80ern, während die Landschaft an uns vorbeirauschte und ich versuchte den Inhalt der Lieder zu erklären.

Dann war viele Jahre nichts. Meine Musik wechselte eher ins lateinamerikanische, statt Gerhard Schöne eben Silvio Rodriguez und die argentinischen Lieder von Fito Paez oder Charly García. Auch das Sachen, die mir bis heute unglaublich nahe gehen. Gerhard Schöne war weit weg und kam nur in Erzählungen anderer Leute vor, die ihn mal irgendwo „in der ostdeutschen Provinz“ auf einem Konzert erlebt hatten. Diejenigen sind wohl etwa so alt wie er und trotzdem: das hatte sie bewegt. Die Erinnerungen an unser Leben vor dem Mauerfall kamen auch bei ihnen wieder hoch und seine neuen Lieder entführten sie in eine andere Welt.

Und dann: dann kam „Kinderland“ zurück in mein Leben. Ein Schulfreund besaß die Original-DDR-Kassette und brachte sie vorbei – der Kleine Mann hörte zu und fands: hm. Langweiliger als Jim & Lukas auf jeden Fall. Fast ein Jahr später legte ich sie wieder ein – und es machte BUMM. Ich saß auf dem Fußboden und war wieder 11, 17, 24 Jahre alt. Der Kleine Mann saß neben mir und machte riesige Ohren. Papa007 hörte zu und war begeistert. Jetzt läuft die Kassette hoch und runter, Gerhard Schöne ist zurück in meinem, jetzt unserem, Leben. Der Kleine Mann ist der „Meeresbezwinger Thomas“ und er hört „Augen, Ohren & Herz“ und „Jule wäscht sich nie“ mit so großer Aufmerksamkeit als wäre es Star Wars.

Lieber Gerhard Schöne – deine Lieder sind so menschlich und so bewegend. Dass ich sie mit 11, 17, 24 und 35 Jahren hören kann ohne dass sie etwas verlieren, das ist wirklich fast ein Wunder. Und ich bin sehr sehr glücklich dass ich sie jetzt sogar noch weitergeben kann. Als Sandkorn an die Nächsten.

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6 Kommentare leave one →
  1. April 10, 2013 6:58 am

    Danke für diesen Text! Ich kenne Gerhard Schöne nur durch Kinderland. Ich sollte mir wohl mal die anderen Platten besorgen.

    • April 10, 2013 6:59 am

      Es lohnt sich auf jeden Fall! Die Erwachsenenplatten machen genauso nachdenklich wie „Kinderland“ und Konsorten.

  2. April 10, 2013 7:03 am

    Sehr gut geschrieben, wirklich! Gerhard Schöne hat ein unglaubliches Sprachgefühl und dazu noch die Fähigkeit, seine Aussage musikalisch brilliant zu verstärken. Und heraus kommen Lieder, die zeitlos sind und über Generationen hinweg ihre Aussagekraft bewahren.

  3. Claudia permalink
    April 11, 2013 9:15 am

    Danke für diesen Artikel! „Kinderland“ hat mich und meine Werte tief geprägt. Man denke nur an „Kalle, Heiner, Peter“.

    • April 11, 2013 9:32 am

      Genau bei dem Lied muss ich fast immer weinen…. und bei „Augen, Ohren, Herz“. Mit 11-12 Jahren hat mich das jedesmal sehr sehr berührt.

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