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Hinter unseren Türen

Januar 30, 2015

Die Kur ist vorbei. Und nun kann ich auch sagen, warum eine Verlängerung für mich nicht in Frage gekommen wäre.

Es waren die anderen Frauen. Die anderen Mütter. Natürlich gab es da welche, mit denen ich viel Zeit verbrachte. Frauen, von denen ich das auf den ersten Blick nicht gedacht hatte, gerade das uns soviel verband konnte ich erst nicht glauben. Und auch Frauen, von denen ich schon dachte, dass wir uns vielleicht verstehen.

Was mich die letzten Tage in der Klinik wirklich belastet hat, war der Ton vieler Mütter zu ihren Kindern. Ich gebe gerne zu: auch bei uns wird gestritten. Es wird manchmal rumgebrüllt. Manchmal fliegt sogar eine Tür. Und danach – danach reden wir miteinander. Ich bin stolz darauf, dass wir uns streiten können, und das hier jeder seine Meinung sagt. Laut, manchmal. Und auch leise. Es ist hier also kein „Hort des Friedens“, in dem immer alles wunderbar himmlisch zugeht. Aber es ist hin & wieder. Dort war es jeden Tag, jede Stunde. Und ihr werdet den Unterschied gleich merken:

Jaul nicht rum! 

Das kannst du sowieso nicht!
Lass das!
Halt die Klappe! Dein Bruder auch!
Ihr sollt mich nicht nerven!

Lasst mich jetzt endlich in Ruhe und seid still!

Lass das!
Hör auf, sonst kriegste eine gelangt!
Du kannst gleich aufhören, sonst…!!!!!

Du schaffst das eh nicht, lass es!

Das sind alles Zitate aus den letzten 7 Tagen. Und ich konnte nix machen, nur immer wieder denken: wieviel Gift wird da in ein 2-3 Jahre altes Kind geschüttet! Was sagt dir das, kleiner Mensch? Du bist unerwünscht. Du machst sowieso alles falsch. Du kannst nichts. Mama mag dich nur, wenn du den Mund hältst.

Die Kinder bekamen das in jeder Situation zu hören. Wenn sie mal alleine was machen wollten: laufen, zum Beispiel. Oder sich Essen holen. Oder die Treppe nehmen. Den Mund aufmachen. Den Kopf woanders hindrehen, vielleicht dahin wo gerade ein Dutzend Kinder rumjuchzte (weil die Mütter nicht hinschauten). Wenn sie sich mal über was beschwerten. Zum Beispiel darüber, dass es laut war. Und ungewohnt. Und dass die Kur eben eine Umstellung war. Und dass man das als Kleiner Mensch schwer verarbeiten muss.

Ich konnte das zum Ende hin nur noch sehr schwer ertragen, und ich habe noch nie in meinem Leben soviel Kinder schreien und schluchzen hören. Morgens, mittags, abends. Beim Einschlafen (nicht schnell genug), beim Mittagsschlaf (nicht leise genug), beim Essen (nicht ordentlich genug). Beim Aufwachen (nicht lieb genug).

Und ich durfte beobachten wo das endet: bei 6-jährigen die ihren Müttern nicht mehr zuhören. Bei 13-jährigen, die mich mit „Was is´n das für ne Kacke?“ im Familienraum begrüßen. Hass und Selbsthass zeitigen die zu erwartenden Ergebnisse.

Heute saß ich hier in Berlin in einem Café und las ein paar Minuten. Auf den anderen Plätzen saßen zwei Familien: typische berliner Punks und Öko-Leute. Rastalocken, Hund dabei, Ökoklamotten. Und Kinder. Kinder, die sich auch mal durch den Laden bewegen durften ohne gleich angeschrien zu werden. Deren Eltern sich Zeit nahmen, um das Kind durch den Raum zu begleiten. Es aufs Sofa zu stellen & mit ihm aus dem Fenster zu schauen – um dann mit den anderen Erwachsenen weiterzureden. Es wurde nicht geschrien, nicht gemeckert, nicht angebrüllt. Und die Kinder waren…. ruhig. Mir ist klar, dass das ein Idealzustand war. Aber mir wurde klar, wie sehr der Unterschied mich betroffen gemacht hat.

Mir ist in diesen Tagen viel über mich, unseren Erziehungs-„Stil“ und unsere Familie klargeworden. Und ich weiß jetzt, dass ich andere Menschen sehr hassen kann. Vor allem manche anderen Mütter.

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